Vorsicht beim Model-Release

Wer mit Fotomodellen arbeitet, lässt sich von den Modellen meist eine Freigabeerklärung (Model Release) unterschreiben. Das Model Release soll dem Fotografen eine Verwertung der Aufnahmen ermöglichen, ohne dabei die Rechte der Modelle am eigenen Bild zu verletzen. Es gibt dazu eine Reihe von Formularen, die in der Regel vorsehen, dass sich die fotografierten Personen mit einer Bildverwertung ohne jede räumliche oder zeitliche Beschränkung und für alle in Betracht kommenden Zwecke einverstanden erklären. Solche umfassenden Einverständniserklärungen sind für die Fotografen sehr praktisch, weil sie ihnen bei der Verwertung der Bilder freie Hand lassen. Die Frage ist allerdings, ob sie auch wirksam sind. Ein Rechtsgutachten, das der Verband lizensierter Modellagenturen (VELMA) vor einiger Zeit in Auftrag gegeben hat, verneint diese Frage und zieht damit eine seit Jahrzehnten geübte Praxis in Zweifel.

 

Werden professionelle Fotomodelle über eine Modellagentur gebucht, diktieren in der Regel die Modellagenturen die Konditionen für die Nutzung der Bilder. Meist werden dann die Nutzungsrechte auf einzelne Verwertungsmöglichkeiten beschränkt, so dass sich die Frage, ob die Rechtsübertragung zu weit gefasst und deshalb unwirksam sein könnte, nicht stellen wird. Problematisch sind dagegen die Fälle, in denen der Fotograf die Modelle direkt engagiert, was vor allem bei Laienmodellen und semi-professionellen häufig vorkommt. Bei solchen direkten Engagements bestimmt üblicherweise der Fotograf die Vertragskonditionen durch einn Model Release, das er sich von dem Modell unterschreiben lässt. Dazu kursieren in der Branche einige Muster, die zwar unterschiedlich formuliert sind, meist aber dann übereinstimmen, dass sie dem Fotografen das Einverständnis des Fotomodells mit einer umfassenden und unbeschränkten Verwertung der Bilder sichern.

Für VELMA, den Verband der Modellagenturen, sind solche umfassenden Einverständniserklärungen ein Ärgernis. Er hat deshalb im Jahre 2011 ein (bisher nicht veröffentliches) Rechtsgutachten zu der Frage eingeholt, ob eine Regelung, mit der das Fotomodell die räumlich, zeitlich und inhaltlich unbeschränkte Verwertung der Aufnahmen gestattet, überhaupt zulässig ist. Das Gutachten wurde von Prof. Gounalakis, dem Direktor der Forschungsstelle für Medienrecht und Medienwirtschaft an der Philipps-Universität Marburg, erstattet. Prof. Gounalakis kommt zu dem Ergebnis, dass die Fotomodelle durch die ünlichen umfassenden Freigabeklauseln und auch durch einige Freigabeklauseln, die in vielen Model-Releases zu finden sind, unangemessen benachteiligt werden. 

Prinzipiell ist eine inhaltlich, zeitlich und räumlich unbeschränkte Einwilligung in die weitere Verwendung der Aufnahmen nach Auffassung des Gutachters zwar möglich. Das gilt aber nur, wenn das Einverständnis im Rahmen eines individuell ausgehandelten Vertrages erklärt wird, nicht dagegen bei einer Verwendung vorformulierter Vertragsformulare, die der Fotograf dem Fotomodell zur Unterschrift vorlegt. Denn solche Formularverträge sind rechtlich als Allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB) einzustufen, für die nach dem Gesetz strengere Reglementierungen gelten als für einen frei ausgehandelten Individualvertrag. So darf ein Formularvertrag keine Bestimmungen enthalten, die den Vertragspartner des AGB- Verwenders entgegen den Geboten von Treu und Glauben unangemessen benachteiligen (§ 307 Abs. 1 Satz 1 BGB). Eine unangessene Benachteiligung kann sich aber z.B. daraus ergeben, dass eine Klausel nicht klar und verständlich ist. Solche intransparenten Regelungen sind nach dem Gesetz von vornherein unwirksam. Das Rechtsgutachten geht davon aus, dass eine Klausel, durch die ein Fotomodell formularmäßig das Einverständnis mit einer räumlich, zeitlich und inhaltlich unbeschränkten Nutzung der Aufnahmen erteilt, in mehrfacher Hinsicht zu einer „unangemessener Benachteiligung) imSinne der gesetzlichen Regelung führt. Zum einen verstoße eine solche Bestimmung gegen das Transparenzgebot, weil das Fotomodell nicht überschauen könne, für welche Zwecke, über welchen Zeitraum und in welchem Kontext eine Verwertung der Aufnahmen stattfinden wird. Zum anderen sei eine unangemessene Benachteiligung auch darin zu sehen, dass das Honorar. das der Fotograf als Gegenleistung für die umfassende Einverständniserklärung des Modells zahlt, in der Regel nur die bei Anfertigung der Aufnahmen konkret geplanten Nutzungen, nicht aber auch alle weiteren Nutzungen abdeckt, die aufgrund der weiteren Einverständniserklärung möglich sind.

Für unwirksam hält das Rechtsgutachten auch eine Klausel, die dem Fotografen das Recht einräumt, die Aufnahmen zu bearbeiten oder umzugestalten. Die Bearbeitung und Umgestaltung kann weitreichende Folgen haben, sofern sie beispielsweise zu einer Veränderung der Physiognomie des Fotomodells oder dazu führt, dass das Modell plötzlich als Werbeträger für ein anderes alsdas ursprünglich vorgesehene Produkterscheint. Da dieses Folgen unüberschaubar sind, verstößt eine Klausel, mit der das Fotomodell pauschal in die Bearbeitung und Umgestaltung der Aufnahmen einwilligt., nach Auffassung von Prof. Gounalakis gegen das Transparenzgebot. Eine weitere Klausel, die in Model Releases allgemein üblich ist, erstreckt das formularmäßig erklärte Einverständnis des Fotomodells auf Nutzung durch Dritte, die die Aufnahmen im Einvernehmen mit dem Fotografen verwerten, also insbesondere auf Nutzung durch die Kunden des Fotografen. Das Rechtsgutacheten sieht auch darin eine unangemessene Benachteiligung, weil Inhalt und Umfang der damit ermöglichten weiteren Verwendung der Aufnahmen für das Modell nicht erkennbar und eine zusätzliche Vergütung für die Verwertung der Aufnahmen  durch Dritte nicht vorgesehen sei. 

Soweit die Erkenntnisse des Gutachters. Die Frage ist, ob diese Erkenntnisse tatsächlich zutreffen oder ob das Rechtsgutachten möglicherweise zu einseitig auf die Interessen der Modelle abstellt und die berechtigten Interessen der Fotografen außer Betracht lässt. Bisher gibt es dazu – soweit ersichtlich – noch keine Gerichtentscheidung. Trotzdem ist den Fotografen Vorsicht anzuraten, denn das Gutachten ist nun einmal in der Welt und kann bei der nächstbesten Auseinandersetzung mit einem Fotomodell eine Rolle spielen. Deshalb sollte sich jeder Fotograf gut überlegen, ob er sein Model Release nicht vorsichtshalber ändert und nicht vorsichtshalber darauf verzichtet, sich die Nutzungsrechte stets ohne jede inhaltliche Beschränkung einräumen zu lassen. Eine Beschränkung auf die Nutzungen, die tatsächlich beabsichtigt sind, würde dem Vorwurf der Intransparenz die Grundlage entziehen.

 

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s